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Zum
Abschluss der Predigtreihe "mehr als Worte sagt
ein Lied", kam am Sonntag den 11. Februar 2001
Pfarrer Reppenhagen aus Rußheim zu uns.
Er hatte das Lied "Die Nacht ist vorgedrungen",
von Jochen Klepper gewählt.
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Liebe
Gemeinde, auf dem Friedhof Nikolassee im Südwesten Berlins
Richtung Wannsee/Potsdam findet man ein unscheinbares
Kreuz mit drei Namen: Renate Stein, Jochen Klepper, Johanna
Klepper, gest. 11.12.1942. Nicht weit davon entfernt in
Richtung Zehlendorf befindet sich der Jochen-Klepper-Weg.
Und wer schließlich weiter Richtung Steglitz geht, findet
dort im Oehlertring 7 eine Gedenktafel. Auch die Bundespost
hat schon zu seinen Ehren anlässlich des 50. Todestages
eine Sonderbriefmarke herausgegeben (05.11.1992). Jochen
Klepper, 1903-1942, Schriftsteller, Journalist, Redakteur,
Theologe - so oder so ähnlich sind Kurzinformationen über
diesen Mann zu finden. Das Deutsche Literaturarchiv des
Schiller-Nationalmuseums führt ein eigenes Nachlassarchiv
von ihm. Zu seinem Werk zählen Gedichte und Lieder, Romane,
Novellen und Hörfunkreihen. Beim Berliner Rundfunk war
er tätig und beim bekannten Ullstein-Verlag.
Erst lange nach seinem Tod erschienen 1956 Kleppers Tagebücher
mit dem Titel 'Unter dem Schatten Deiner Flügel. Aus den
Tagebüchern der Jahre 1932-1942'. Sie dokumentieren die
bedrängte Situation einer sogenannten Mischehe in dieser
Zeit. Denn Klepper hatte 1929 eine aus vornehmem jüdischen
Haus stammende Witwe mit deren zwei Töchtern geheiratet.
Vier Jahre später verlor er daher seine Stelle beim Funk;
zwei Jahre später auch beim Verlag. Die Töchter erhalten
keine Geburtstagsbesuche mehr, denn deutsche Jungen und
Mädchen ist der Umgang mit Juden verboten. Da hilft es
auch nicht, dass Ehefrau und Töchter getaufte Mitglieder
der Evangelischen Kirche waren. |
Nach
der Progromnacht am 9. November 1938 mussten auch alle
arisch verheirateten Juden eine Viertel ihres Vermögens
als eine sogenannte Sühnegabe an den Staat abführen. Es
war ihnen verboten, Auto zu fahren oder Kinos oder Konzerte
zu besuchen. Der älteren Tochter Brigitte gelang im Mai
1939 die Ausreise nach Schweden. Ein Jahr später wird
Renate, die Jüngere, zur Zwangsarbeit herangezogen. Alle
Versuche auch für sie eine Ausreise zu erreichen scheitern.
Klepper wird 1940 zur Wehrmacht eingezogen, doch 10 Monate
später wieder entlassen: wehrunwürdig als 'jüdisch versippter'
Mann. 1942 kommt endlich die schwedische Einreisegenehmigung.
Doch Deutschland hält die Grenzen dicht. Alle Versuche
scheitern - Innenminister Frick will sie ausreisen lassen,
doch Adolf Eichmann höchst persönlich lehnt eine Ausnahme
des Ausreiseverbots ab. 1961 in Jerusalem danach befragt,
will Eichmann davon nichts mehr wissen. "Nein, ich erinnere
mich nicht!", lautet seine Antwort wie in vielen anderen
Fällen auch.
Am Abend des 10. Dezember 1942 öffnen Kleppers die Deportation
von Frau Hanni und Tochter Renate, genannt Renerle, vor
Augen den Gashahn. Eines hatten die Demagogen und Schergen
des 1000-jährigen Reiches nicht geschafft, dass sich liebende
Menschen fremd werden.
Wie bedrängend und beängstigend die Situation in den Jahren
zuvor war, schildert ein Tagebucheintrag vom 17. November
1941: "Jeder Tag, jede Situation zeigt es: wir haben nur
uns drei. Das macht es leichter. Auch bei Hanni ist es
ein Tod aus Mitleid. Und bei Renerle wäre er es, wären
wir die Bedrohten und nicht sie selbst. Wir wissen, daß
Gott noch alles wenden kann."
Ein Jahr später war diese Hoffnung geschwunden. Jochen
Klepper schrieb seine letzten Worte. Das Gespräch bei
Eichmann war negativ verlaufen: "Wir sterben nun - ach,
auch das steht bei Gott - Wir gehen heute nacht gemeinsam
in den Tod. Über uns steht in den letzten Stunden das
Bild des Segnenden Christus, der um uns ringt. In dessen
Anblick endet unser Leben."
Hier bewahrheitet sich wiederum, dass die stärksten und
tiefgehendsten Glaubenszeugnisse in der Geschichte der
Kirche von jenen Menschen geschrieben wurden, die unter
Not und Hass zu leiden hatten, die zutiefst selbst angefochten
waren - denen die Bedrängung durch und durch ging, die
aber dennoch an Gott festhielten und ihm vertrauten. In
jeder Nacht, die mich umfängt, darf ich in deine Arme
fallen, und du, der nichts als Liebe denkt, wachst über
mir, wachst über allen. Du birgst mich in der Finsternis.
Dein Wort bleibt noch im Tod gewiß. |
Man mag einwenden, dass Kleppers Lieder
viel vom Dunkel und vom Leiden sprechen - auch vom Tod,
aber sie reden auch vom Licht und von Erlösung. Sie sprechen
von einem offenen Himmel und einem gnädigen Gott: Welch
Dunkel uns auch hält, Sein Licht hat uns getroffen! Hoch
über aller Welt Steht nun der Himmel offen. Gelobt sei
Jesus Christ! So wird man wohl dem früheren Bischof der
nordelbischen Kirche, Ulrich Wilckens, zustimmen können:
"Mitten im Sog der Verarmung und Verflachung unserer Sprache
hat Gottes Geist aus einem sehr bedrängten und persönlich
angefochtenen Menschen nichts weniger als einen Psalmisten
unserer Tage gemacht."
Mit seinem Liederbuch 'Kyrie' hat Jochen Klepper der Kirche
29 geistliche Lieder hinterlassen, von denen immerhin
13 in unserem Gesangbuch zu finden sind. Damit gehört
er zu den großen Lieddichtern des Evangelischen Gesangbuchs.
Und eines der bekanntesten Adventslieder 'Die Nacht ist
vorgedrungen' entstand Ende 1937 - in einer Phase, wo
die Nacht sich schon bedrohlich über Deutschland und später
über ganz Europa und die Welt legte: Gewiss sang Hans
Alberts und Heinz Rühmann war im Kino zu sehen, Berlin
feierte sein 700-jähriges Bestehen; auch Jochen Klepper
hatte mit seinem Roman 'Der Vater. Roman eines Königs'
einen großen Erfolg, doch war Deutschland auch stolz darauf,
30.000 Juden aus dem Kulturleben ausgeschlossen zu haben
- Klepper war mit einer Jüdin verheiratet. Die Nacht ist
vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern! Klepper dichtet
doppeldeutig. Er spürt die Spannung menschlichen Lebens,
die Beklemmung des Herzens. Die Bedrohung ist zum Greifen
nahe. Angst und Beklemmung legen sich wie tiefe Gewitterwolken
über sein Leben und seine Familie. Die Dunkelheit bricht
herein, wo alle Hoffnung und Zuversicht schwindet, wo
kein Ausweg gefunden und kein Licht gesehen wird - das
Grauen der Nacht (Ps 91,5), die Schrecken der Nacht (Hoh
3,8) denen kein Schwert wehren kann, nehmen Menschen gefangen.
Es ist jene Nacht, wo Menschen einander fremd werden,
wo Beziehung abbrechen und sich Gräben der Bitterkeit
und des Hasses auftun. Es ist auch die Nacht, von der
es heißt: "Der Herr Jesus, in der Nacht, da er verraten
ward, nahm er das Brot." (1.Kor 11,23) Menschen werden
Menschen fremd und verleugnen selbst ihren Grund - Ursprung
und Ziel gehen ihnen verloren. |
Klepper
dichtet aus der eigenen Betroffenheit heraus. Doch er
stellt sich nicht in den Mittelpunkt. Seine Verse werden
zum Zuspruch an uns, die wir sein Lied singen. Da wird
die Nacht von Menschenleid und -schuld zum Ort des Lobens.
Jene Nacht ist die Nacht des hellen Morgensterns: "Auch
wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein. Der Morgenstern
bescheinet auch deine Angst und Pein." Der Apostel Paulus
hatte es noch ermahnend gesagt: "Die Nacht ist vorgerückt,
der Tag aber nahe herbeigekommen. So laßt uns ablegen
die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts.
(Röm 13,2) Bei Jochen Klepper erhalten diese Worte einen
tröstlichen und ermutigenden Charakter. Sie werden zum
Zuspruch. Er weiß um Gottes Zusagen: "Spräche ich: Finsternis
möge mich decken und Nacht statt Licht um mich sein -,
so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir, und die
Nacht leuchtete wie der Tag. Finsternis ist wie das Licht."
(Psalm 139,12)
Klepper weiß um das Ziel aller Geschichte. Er weiß um
das Ziel seines Lebens und das seiner Familie - das Licht
Gottes. In aller Dunkelheit sieht er "die Wurzel und das
Geschlecht Davids, den hellen Morgenstern" (Offb 22,16)
- Jesus Christus. Dieses Licht scheint für ihn an dunklem
Ort, "bis der Tag anbreche und der Morgenstern aufgehe
in euren Herzen" (1.Petr 1,19). Mein Gott, dein hohes
Fest des Lichtes hat stets die Leidenden gemeint. Und
wer die Schrecken des Gerichtes nicht als der Schuldigste
beweint, dem blieb dein Stern noch tiefverhüllt und deine
Weihnacht unerfüllt. Die ersten Zeugen, die du suchtest,
erschienen aller Hoffnung bar. Voll Angst, als ob du ihnen
fluchtest, und elend war die Hirtenschar. Den Ärmsten
auf verlassenem Feld gabst du die Botschaft an die Welt.
Die Feier ward zu bunt und heiter, mit der die Welt dein
Fest begeht. Mach uns doch für die Nacht bereiter, in
der dein Stern am Himmel steht. Und über deiner Krippe
schon zeig uns dein Kreuz, du Menschensohn. Herr, daß
wir dich so nennen können, präg unseren Herzen heißer
ein. Wenn unsere Feste jäh zerrönnen, muß jeder Tag noch
Christtag sein. Wir preisen dich in Schmerz, Schuld, Not
und loben dich bei Wein und Brot. Jochen Klepper - Die
Nacht ist noch da.
Bedrohlich greift sie nach unserem Leben. Doch sie hat
verloren - sie ist schon am Schwinden. Die Mächte des
Bösen und der Finsternis mögen sich noch mächtig geben,
aber sie haben ausgespielt - verloren. So will es das
Lied in unsere Herzen singen. Gewiss ist es ein Weihnachtslied.
Es besingt das Kind in der Krippe und singt vom Stall.
Doch sein Bogen reicht viel weiter. Er spannt sich wie
Gottes Bogen über unser Leben und diese Welt. Gott hat
ein großes Werk begonnen und wird es auch vollenden. Und
dies darf auch für mein Leben gelten. |
Klepper
verschweigt hier nicht die Schuld - auch die Schuld des
eigenen Lebens. Fast in jeder Strophe kommt sie vor, die
dunkle Macht der Schuld. Diese lebensverneinde Kraft,
die sich so im eigenen Leben und im Leben anderer festsetzen
kann und unsägliches Leid über Menschen bringt. Doch diese
Schuld hat nicht das letzte Wort, sie ist nicht unausweichliches
Schicksal. Ihr wird ein Ende gesetzt. "Wer schuldig ist
auf Erden, verhüll nicht mehr sein Haupt." Damit ist nicht
die Befreiung des stolzen Menschen von allen Schuldgefühlen
gemeint. Klepper spricht von Rettung und Befreiung.
Was ist das für ein Gott, der selbst im Dunkel wohnen
will. Er verlässt das Licht des Himmels, um in die Tiefen
menschlicher Irrungen und Wirrungen zu tauchen. Gott wird
zum Verbündeten von uns Menschen. Der zu bedienende Gott,
wird selbst zum Diener. Gott lässt uns nicht versinken
im Unrat von Leid und Schuld. "Als wollte er belohnen,
so richtet er die Welt!" Was ist das für ein Gott, an
den wir glauben dürfen? Diese Erkenntnis wird zur Zuversicht
und zur Aufforderung: "Macht euch zum Stalle auf! Ihr
sollt das Heil dort finden!" Hier erweisen wir uns wieder
als jener Bettler, der dem anderen zeigt, wo es Brot gibt
- das Brot des Lebens. So spannt Jochen Klepper den Bogen
von der Schöpfung bis zum Jüngsten Gericht: "Der sich
den Erdkreis baute, der läßt den Sünder nicht. Wer hier
dem Sohn vertraute, kommt dort aus dem Gericht." Und wiederum
schimmern Bibelworte durch. Es wird deutlich, was es heißt
mit der Bibel zu leben und sich nach Gottes Wort auszustrecken:
Die Nacht verliert ihren Schrecken: Gott hat sich mit
uns verbündet! Und so soll Jochen Klepper nochmals zum
Schluss zu Wort kommen:
Ohne Gott bin ich ein Fisch am Strand, ohne Gott ein Tropfen
in der Glut. Ohne Gott bin ich ein Gras im Sand und ein
Vogel, dessen Schwinge ruht. Wenn mich Gott bei meinem
Namen ruft, bin ich Wasser, Feuer, Erde, Luft. Jochen
Klepper Amen. |
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