Evangelische Kirchengemeinde Liedolsheim

Gottesdienst in anderer Form am 7. März 2004

Leben mit Power – wie kommt Gottes Kraft in mein Leben?
Predigt von Matthias Büchle - Generalsekretär CVJM Baden
Liebe Gemeinde,

“Mehr Energie fürs Leben. Mehr Power - mehr Lebensfreude - mehr Vitalität“ – so lautet die Überschrift eines Artikels in einer bekannten Fitnesszeitschrift. Und der Leser spürt sofort: hier geht es um tiefe Sehnsüchte des Menschen. Denn das wollen wir doch alle: Gesundheit, Kraft, Energie und Lebenslust (heute sagt man dazu Spaß).
Die Werbung hat schon lange darauf reagiert. Wo ich auch hinschaue, im Fernsehen, in Zeitschriften, auf Plakatwänden: überall bieten mir vor Gesundheit und Energie strotzende junge Menschen ihre Power-Produkte an. Und da gibt es ja alles: Power-Riegel; Power-Drinks; Power-Pillen; Power-Säfte; Power-Müsli und was weiß ich noch alles. Und für die Älteren und Reiferen unter uns, die mit den Anglizismen vielleicht Schwierigkeiten haben, gibt es natürlich auch etwas: „Doppelherz – die Kraft der zwei Herzen“.
Wenn ich das alles so ansehe, dann fühle ich mich richtig schwächlich, kränklich, unsportlich und völlig deprimiert. Mir kann es eigentlich nicht gut gehen, wenn ich diese Power-Produkte nicht konsumiere, die mir hier angeboten werden. Denn ein lohnendes und erfülltes Leben ist wohl ein kraftvolles Leben.

Mehr Leistung, mehr Gesundheit, mehr Spaß, mehr Wohlergehen, mehr Zufriedenheit, das verstehen wir heute unter Power. Und diese Sichtweise von Kraft und Power macht vor unserem Glaubensleben nicht halt. Das wünschen wir uns doch, dass die Kraft Gottes so richtig spürbar in unserem Leben und in unseren Gemeinden oder im CVJM wirkt. Dass etwas erlebbar wird von der Dynamik des Reiches Gottes. Dass Gott kraftvoll eingreift in die Beziehungskrisen, in die Nöte und Krankheiten, in die Kaputtheit unserer Welt und dass wir eine Freude in uns haben, die uns aus allen Knopflöchern herausstrahlt.

Ich habe den Eindruck, dass an manchen Stellen genau mit diesem Verständnis von Gotteskraft auch für Glaubenspower geworben wird. Mit Jesus geht´s dir besser, du hast mehr Freude, du bist mehr zufrieden, dein Leben und deine Beziehungen gelingen dir besser. Da wird von einer Glaubenspower und –dynamik gesprochen, die einen fast umwirft. Ein erfülltes und lohnendes Glaubensleben ist wohl ein kraftvolles Leben.
Und ich stehe etwas hilflos daneben und denke, mein Glaube muss aber sehr kränklich und schwach sein, weil ich diese Gottes-Power in meinem Alltag so oft gar nicht spüre und erlebe. Und ich werde unruhig und frage sehnsuchtsvoll: „wie kommt diese Glaubenspower nur in mein Leben? Was muss ich tun, damit ich diese Kraft Gottes in mir spüre? Damit diese Kraft Gottes unsere Gemeinde und unseren CVJM erfasst?

So, wie damals beim großen Propheten Elia auf dem Berg Karmel. Das war Power Gottes, als 450 Baals-Propheten vergeblich ihre Gottheit um Erhörung anrufen. Aber nichts geschieht. Und der Powerprophet Elia steht daneben und spottet: „euer Gott schläft vielleicht oder ist verreist; ruft lauter“. Aber keine Reaktion. Und dann das schlichte und einfache Gebet Elias zu Jahwe, dem Gott der Väter à und der lässt Feuer vom Himmel regnen und zeigt mit seiner ganzen Kraft und Dynamik, wer der lebendige Gott ist.
Das wäre es doch: solch eine kraftvolle Machtdemonstration Gottes hier in Liedolsheim, damit klar wird, wer der lebendige Gott ist. Und damit klar wird: wer auf der Seite Gottes steht, steht auf der Seite des Siegers.

„Wie kommt Gottes Kraft in mein Leben?“, so lautet unsere Frage. „Wie erfahre ich Power in meinem Leben?“.
Drei Impulse aus dem Leben des Elia möchte ich geben.

Gottes Kraft kommt in mein Leben ...

1. ... indem ich loslasse und Gott wirken lasse

Das ist das Prinzip Gottes. Und das wiederspricht völlig unserem Streben nach Kraft und Power. Wenn du Energie in deinem Leben willst, dann iss diesen Riegel, dann trainiere, dann kauf dir diese Drinks oder diese Pillen. Dann such die Kraftquellen in deinem Inneren. Also tu was, hol dir was, nimm dir was, und mach was aus dir, dann wirst du die Power in deinem Leben spüren.
Ganz anders bei Elia. Was hatte denn der noch in der Hand? Gar nichts. Überhaupt nichts. Das hört sich so kraftvoll an, dieses Geschehen dort auf dem Karmel. Und wir stellen uns den Elia als starken, vor Power strotzenden Streiter Gottes vor. Aber warum konnte sich denn Gottes Machtdemonstration so kraftvoll entfalten? Weil sein Bote Elia alles aus seinen Händen in Gottes Hände gelegt hatte. Weil Elia gar nichts mehr im Griff hatte. Absolut nichts. Das hätte ja auch ganz schön schief gehen können. Elia allein gegen 450 Propheten des Baal. Was wäre gewesen, wenn Gott nun nicht auf das Gebet des Elia geantwortet hätte? Aber Elia hatte keine feurige Predigt in der Hinterhand, als Notfallprogramm, falls Gott nicht eingreift. Er gab in diesen Stunden all sein Können, all seine Begabungen, alle seine Kraft aus der Hand und lies sich voll und ganz auf Gott ein. Da gab es keinen doppelten Boden mehr.

Unser Leiden unter Kraftlosigkeit, unsere ungestillte Sehnsucht nach mehr Kraft von Gott liegt oft darin begründet, dass wir selber unser Leben, unseren Glauben – ja auch unsere Gemeinde oder unseren CVJM im Griff haben wollen. Wir haben immer noch ein Notfallprogramm in der Hinterhand, falls Gott doch nicht so kraftvoll eingreift. Und merken wir, was da geschieht? Wir setzen unsere Kräfte ein und erwarten dann von Gott, dass er zündet, wenn unsere Kraft ausgeht. Die Kraft der zwei Herzen: wenn wir am Ende sind mit unserer Kraft, dann kommt Gott zum Zug, dann soll sein Herz für uns schlagen.
Wir sind hier völlig geprägt vom Verständnis unserer Zeit. Gott als Power-Riegel, als Aufputschmittel, als Energiespender. Und so verstehen wir dann auch unsere Gottesdienstbesuche, unsere Hauskreise, unsere Bibelgruppen. Wir wollen dort auftanken, sagen wir, unseren geistlichen Akku wieder laden. Und dann gehen wir nach Hause und merken, wie die Kraft im Alltag stetig nachlässt und wir dringend wieder eine Tankstelle benötigen. Warum? Weil wir immer noch aus unserer Kraft leben. Weil wir die Kraft Gottes als ein Verfügungspotential verstehen, von dem wir zehren könnten. Weil wir Gottes Power wie einen Drink verstehen, der uns dann die nötige Glaubensvitalität gibt, wenn wir sie benötigen.

Der Tübinger Professor Hans Joachim Eckstein hat das sehr treffend beschrieben:
„Wie ist es möglich, Herr, dass ich seit Jahren versucht habe, unabhängig von dir für dich zu leben, .......... (Zitat aus angegebenem Buch) ............ Ich brauche weder etwas Neues noch etwas anderes, als ich schon lange habe; aber das brauche ich – nämlich dich.“
[aus: Hans-Joachim Eckstein; Du liebst mich, also bin ich; Hänssler 1989 und 2001; „Der entscheidende Schritt“]

Die Kraft Gottes erfahren wir in unserem Leben dann, wenn wir nicht mehr auf unsere Kraft setzen. Wenn wir loslassen. Das scheint paradox. Aber das ist der Weg Gottes. Das ist der Weg, bei dem seine Kraft in uns mächtig werden kann. Das ist der Weg, auf dem er in uns Gestalt gewinnen kann.
Noch genauer gesagt: Gott gibt nicht Kraft, sondern Gott ist Kraft. Und wenn seine Kraft in meinem Leben wirksam werden soll, dann muss Jesus in mir Gestalt gewinnen. Dann muss ich loslassen, und alles ihm überlassen.

Gottes Kraft kommt in mein Leben ...

2. ... indem Gott mich durch seine guten Gaben erquickt

(1.Kön19,1ff):
„König Ahab berichtete seiner Frau Isebel alles, was Elia getan hatte, vor allem, wie er die Propheten Baals mit dem Schwert getötet hatte. Da schickte Isebel einen Boten zu Elia, der ihm ausrichten sollte: »Die Götter sollen mich schwer bestrafen, wenn ich dir nicht heimzahle, was du diesen Propheten angetan hast! Morgen um diese Zeit bist auch du ein toter Mann, das schwöre ich!« Da packte Elia die Angst. Er rannte um sein Leben und floh bis nach Beerscheba ganz im Süden Judas. Dort ließ er seinen Diener, der ihn bis dahin begleitet hatte, zurück. Allein wanderte er einen Tag lang weiter bis tief in die Wüste hinein. Zuletzt ließ er sich unter einen Ginsterstrauch fallen und wünschte, tot zu sein. »Herr, ich kann nicht mehr!«, stöhnte er. »Lass mich sterben! Irgendwann wird es mich sowieso treffen, wie meine Vorfahren. Warum nicht jetzt?« Er streckte sich unter dem Ginsterstrauch aus und schlief ein. Plötzlich wurde er wachgerüttelt. Ein Engel stand bei ihm und forderte ihn auf: »Elia, steh auf und iss!« Als Elia sich umblickte, entdeckte er neben seinem Kopf einen Brotfladen, der auf heißen Steinen gebacken war, und einen Krug Wasser. Er aß und trank und legte sich wieder schlafen. Doch der Engel des Herrn kam wieder und rüttelte ihn zum zweiten Mal wach. »Steh auf, Elia, und iss!«, befahl er ihm noch einmal. »Sonst schaffst du den langen Weg nicht, der vor dir liegt.« Da stand Elia auf, aß und trank. Die Speise gab ihm so viel Kraft, dass er vierzig Tage und Nächte hindurch wandern konnte, bis er zum Berg Gottes, dem Horeb, kam.
[nach der Übersetzung Hoffnung für alle]

Der Power-Prophet Gottes ist am Ende. Fertig mit der Welt und mit seinem Leben. Da ist überhaupt nichts mehr zu spüren von der kraftvollen Machtdemonstration Gottes, von Power im Glauben. „Ich kann nicht mehr! Ich will nicht mehr! Lass mich sterben!“
Elia gibt auf. Es ist ja auch ganz schön heftig, wenn man eine Morddrohung im Nacken sitzen hat. Aber genau jetzt passiert es, dass Elia alles über den Haufen wirft, was ihm in seinem Glauben so wichtig war. Nicht mehr der Blick auf seinen Herrn leitet ihn – nein, er nimmt sein Schicksal selbst in die Hand. Und er rennt um sein Leben. Gerade noch war er in viel größerer Lebensgefahr und hatte doch Gott alles überlassen. Aber jetzt scheint alle Gotteserfahrung wie weggewischt. Ist doch verrückt – oder? Nein, nicht verrückt, sondern ganz und gar menschlich.
Ich finde es so faszinierend, dass die Bibel diese Krisenzeiten der großen Glaubenshelden nicht ausblendet, sondern schonungslos offen beschreibt. Das macht die Bibel so glaubwürdig.

Aber selbst in dieser wohl größten Lebenskrise des Elia, in der die Kraft Gottes so weit weg schien, lässt Gott seinen verängstigten Boten nicht allein. Gott ist nicht müde, bei seinem lebensmüden und gottesmüden Diener zu sein. Ein Engel berührt ihn und weckt ihn aus seinem Verzweiflungsschlaf. Und Gott schenkt das, was Elia jetzt gerade braucht: keine neue Erkenntnis, keine neue Aufgabe, sondern Wasser, Brot (geröstetes Brot – auf einem Stein gebacken) und Schlaf - ganz elementare Dinge. Gottes Kraft ist eine schöpferische Kraft, eine Kraft, die erquickt und aus der Neues entsteht.

Wie gut zu wissen, dass Gott uns nicht zur Strafe seine Kraft entzieht. Sondern dass er genau dort gibt, wo wir ihn so dringend brauchen. Selbst wenn wir mit seiner Kraft gar nicht mehr rechnen.
Wenn über unsere Lippen immer wieder der tiefe Seufzer kommt: „Ich habe genug! Genug von den Herausforderungen des Tages, genug davon, immer wieder hilflos, schwach und ohnmächtig zu sein“ – dann steht Gott da und sagt: „Ich habe nicht genug von dir! Meine Liebe ist grenzenlos.“ Und wenn wir uns morgens zerknatscht aus dem Bett quälen und uns viel eher ausgepowert als frisch und neu fühlen, dann wartet er schon auf uns und hat ein gutes Wort für uns bereit. Und behutsam bietet er uns ein Gespräch mit ihm an. Er lädt uns ein, seine guten Gaben zu kosten und zu genießen. Das können all die Dinge sein, die er uns tagtäglich schenkt. Vielleicht auch wirklich einmal einen guten und tiefen Schlaf, der wieder neue Kräfte bringt. Vor allem aber ist es die Gemeinschaft mit ihm.

Gottes Kraft kommt in mein Leben ...

3. ... indem ich mir an Gottes Gnade genügen lasse

Gott zeigt Elia und uns noch etwas anderes. „Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“ – so schreibt viele Jahre später Paulus von seiner Erfahrung mit dem lebendigen Gott. Und damit will er sagen: „Lass es genug sein, mit dem, was Gott dir gibt.“ Denn darin ist alle Kraft enthalten.

Warum nur Wasser und Brot? Ein saftiges Hühnchen oder ein kräftiges Schnitzel und dazu ein guter Rotwein wären doch sicher auch angebracht gewesen. Gott – wenn du schon gibst, kann es nicht ein bisschen mehr sein, ein bisschen würziger, ein bisschen ausgefallener?
Warum immer nur dieselben Gottesdienste? Kann es nicht ein bisschen fetziger und kreativer und powerfuller sein?
Bitte versteht mich nicht falsch. Ich bin von ganzem Herzen dafür, dass es eine Vielfalt von Gottesdiensten gibt und dass wir alles einsetzen, um sie möglichst bunt und kreativ zu gestalten. Aber ich habe manchmal den Eindruck, dass wir auch hier von einem „immer höher; immer weiter; immer schneller“ geprägt sind. Wir wollen mehr – mehr Power.

Gott ist kein Kostverächter. Und Jesus hat gerne und üppig gefeiert – und das nicht nur mit Wasser und Brot. Aber hier zeigt uns Gott, dass es in seinem Ermessen steht, wann er was und wie viel an Kraft gibt. Gott gibt seine Kraft nicht im Vorratspack oder in der Familienpackung. Gott streut seine Kraft nicht einfach willkürlich über die Menschheit aus. Gott gibt nicht dem der will, sondern dem der braucht. Und zwar immer so viel, dass es reicht. Und dass es gut ist.

„Lass dir an dem genug sein, was ich dir gebe“, sagt Gott. Denn in meinen Gaben ist alle meine Kraft enthalten. In dem was ich dir gebe, kommt meine ganze Kraft zum tragen. Deshalb lass dir genügen.“


Leben mit Power – wie kommt Gottes Kraft in mein Leben?
... indem ich loslasse und Gott wirken lasse
... indem Gott mich durch seine guten Gaben erquickt
... indem ich mir an Gottes Gnade genügen lasse

Amen!

 
 
 
 
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