| Liebe Gemeinde,
“Mehr Energie fürs Leben. Mehr Power
- mehr Lebensfreude - mehr Vitalität“
– so lautet die Überschrift eines Artikels
in einer bekannten Fitnesszeitschrift. Und der
Leser spürt sofort: hier geht es um tiefe
Sehnsüchte des Menschen. Denn das wollen
wir doch alle: Gesundheit, Kraft, Energie und
Lebenslust (heute sagt man dazu Spaß).
Die Werbung hat schon lange darauf reagiert. Wo
ich auch hinschaue, im Fernsehen, in Zeitschriften,
auf Plakatwänden: überall bieten mir
vor Gesundheit und Energie strotzende junge Menschen
ihre Power-Produkte an. Und da gibt es ja alles:
Power-Riegel; Power-Drinks; Power-Pillen; Power-Säfte;
Power-Müsli und was weiß ich noch alles.
Und für die Älteren und Reiferen unter
uns, die mit den Anglizismen vielleicht Schwierigkeiten
haben, gibt es natürlich auch etwas: „Doppelherz
– die Kraft der zwei Herzen“.
Wenn ich das alles so ansehe, dann fühle
ich mich richtig schwächlich, kränklich,
unsportlich und völlig deprimiert. Mir kann
es eigentlich nicht gut gehen, wenn ich diese
Power-Produkte nicht konsumiere, die mir hier
angeboten werden. Denn ein lohnendes und erfülltes
Leben ist wohl ein kraftvolles Leben.
Mehr Leistung, mehr Gesundheit, mehr Spaß,
mehr Wohlergehen, mehr Zufriedenheit, das verstehen
wir heute unter Power. Und diese Sichtweise von
Kraft und Power macht vor unserem Glaubensleben
nicht halt. Das wünschen wir uns doch, dass
die Kraft Gottes so richtig spürbar in unserem
Leben und in unseren Gemeinden oder im CVJM wirkt.
Dass etwas erlebbar wird von der Dynamik des Reiches
Gottes. Dass Gott kraftvoll eingreift in die Beziehungskrisen,
in die Nöte und Krankheiten, in die Kaputtheit
unserer Welt und dass wir eine Freude in uns haben,
die uns aus allen Knopflöchern herausstrahlt.
Ich habe den Eindruck, dass an manchen Stellen
genau mit diesem Verständnis von Gotteskraft
auch für Glaubenspower geworben wird. Mit
Jesus geht´s dir besser, du hast mehr Freude,
du bist mehr zufrieden, dein Leben und deine Beziehungen
gelingen dir besser. Da wird von einer Glaubenspower
und –dynamik gesprochen, die einen fast
umwirft. Ein erfülltes und lohnendes Glaubensleben
ist wohl ein kraftvolles Leben.
Und ich stehe etwas hilflos daneben und denke,
mein Glaube muss aber sehr kränklich und
schwach sein, weil ich diese Gottes-Power in meinem
Alltag so oft gar nicht spüre und erlebe.
Und ich werde unruhig und frage sehnsuchtsvoll:
„wie kommt diese Glaubenspower nur in mein
Leben? Was muss ich tun, damit ich diese Kraft
Gottes in mir spüre? Damit diese Kraft Gottes
unsere Gemeinde und unseren CVJM erfasst?
So, wie damals beim großen Propheten Elia
auf dem Berg Karmel. Das war Power Gottes, als
450 Baals-Propheten vergeblich ihre Gottheit um
Erhörung anrufen. Aber nichts geschieht.
Und der Powerprophet Elia steht daneben und spottet:
„euer Gott schläft vielleicht oder
ist verreist; ruft lauter“. Aber keine Reaktion.
Und dann das schlichte und einfache Gebet Elias
zu Jahwe, dem Gott der Väter à und
der lässt Feuer vom Himmel regnen und zeigt
mit seiner ganzen Kraft und Dynamik, wer der lebendige
Gott ist.
Das wäre es doch: solch eine kraftvolle Machtdemonstration
Gottes hier in Liedolsheim, damit klar wird, wer
der lebendige Gott ist. Und damit klar wird: wer
auf der Seite Gottes steht, steht auf der Seite
des Siegers.
„Wie kommt Gottes Kraft in mein Leben?“,
so lautet unsere Frage. „Wie erfahre ich
Power in meinem Leben?“.
Drei Impulse aus dem Leben des Elia möchte
ich geben.
Gottes Kraft kommt in mein
Leben ...
1. ... indem ich loslasse und Gott
wirken lasse
Das ist das Prinzip Gottes. Und das wiederspricht
völlig unserem Streben nach Kraft und Power.
Wenn du Energie in deinem Leben willst, dann iss
diesen Riegel, dann trainiere, dann kauf dir diese
Drinks oder diese Pillen. Dann such die Kraftquellen
in deinem Inneren. Also tu was, hol dir was, nimm
dir was, und mach was aus dir, dann wirst du die
Power in deinem Leben spüren.
Ganz anders bei Elia. Was hatte denn der noch
in der Hand? Gar nichts. Überhaupt nichts.
Das hört sich so kraftvoll an, dieses Geschehen
dort auf dem Karmel. Und wir stellen uns den Elia
als starken, vor Power strotzenden Streiter Gottes
vor. Aber warum konnte sich denn Gottes Machtdemonstration
so kraftvoll entfalten? Weil sein Bote Elia alles
aus seinen Händen in Gottes Hände gelegt
hatte. Weil Elia gar nichts mehr im Griff hatte.
Absolut nichts. Das hätte ja auch ganz schön
schief gehen können. Elia allein gegen 450
Propheten des Baal. Was wäre gewesen, wenn
Gott nun nicht auf das Gebet des Elia geantwortet
hätte? Aber Elia hatte keine feurige Predigt
in der Hinterhand, als Notfallprogramm, falls
Gott nicht eingreift. Er gab in diesen Stunden
all sein Können, all seine Begabungen, alle
seine Kraft aus der Hand und lies sich voll und
ganz auf Gott ein. Da gab es keinen doppelten
Boden mehr.
Unser Leiden unter Kraftlosigkeit, unsere ungestillte
Sehnsucht nach mehr Kraft von Gott liegt oft darin
begründet, dass wir selber unser Leben, unseren
Glauben – ja auch unsere Gemeinde oder unseren
CVJM im Griff haben wollen. Wir haben immer noch
ein Notfallprogramm in der Hinterhand, falls Gott
doch nicht so kraftvoll eingreift. Und merken
wir, was da geschieht? Wir setzen unsere Kräfte
ein und erwarten dann von Gott, dass er zündet,
wenn unsere Kraft ausgeht. Die Kraft der zwei
Herzen: wenn wir am Ende sind mit unserer Kraft,
dann kommt Gott zum Zug, dann soll sein Herz für
uns schlagen.
Wir sind hier völlig geprägt vom Verständnis
unserer Zeit. Gott als Power-Riegel, als Aufputschmittel,
als Energiespender. Und so verstehen wir dann
auch unsere Gottesdienstbesuche, unsere Hauskreise,
unsere Bibelgruppen. Wir wollen dort auftanken,
sagen wir, unseren geistlichen Akku wieder laden.
Und dann gehen wir nach Hause und merken, wie
die Kraft im Alltag stetig nachlässt und
wir dringend wieder eine Tankstelle benötigen.
Warum? Weil wir immer noch aus unserer Kraft leben.
Weil wir die Kraft Gottes als ein Verfügungspotential
verstehen, von dem wir zehren könnten. Weil
wir Gottes Power wie einen Drink verstehen, der
uns dann die nötige Glaubensvitalität
gibt, wenn wir sie benötigen.
Der Tübinger Professor Hans Joachim Eckstein
hat das sehr treffend beschrieben:
„Wie ist es möglich, Herr, dass ich
seit Jahren versucht habe, unabhängig von
dir für dich zu leben, .......... (Zitat
aus angegebenem Buch) ............ Ich brauche
weder etwas Neues noch etwas anderes, als ich
schon lange habe; aber das brauche ich –
nämlich dich.“
[aus: Hans-Joachim Eckstein; Du liebst mich, also
bin ich; Hänssler 1989 und 2001; „Der
entscheidende Schritt“]
Die Kraft Gottes erfahren wir in unserem Leben
dann, wenn wir nicht mehr auf unsere Kraft setzen.
Wenn wir loslassen. Das scheint paradox. Aber
das ist der Weg Gottes. Das ist der Weg, bei dem
seine Kraft in uns mächtig werden kann. Das
ist der Weg, auf dem er in uns Gestalt gewinnen
kann.
Noch genauer gesagt: Gott gibt nicht Kraft, sondern
Gott ist Kraft. Und wenn seine Kraft in meinem
Leben wirksam werden soll, dann muss Jesus in
mir Gestalt gewinnen. Dann muss ich loslassen,
und alles ihm überlassen.
Gottes Kraft kommt in mein
Leben ...
2. ... indem Gott mich durch seine
guten Gaben erquickt
(1.Kön19,1ff):
„König Ahab berichtete seiner Frau
Isebel alles, was Elia getan hatte, vor allem,
wie er die Propheten Baals mit dem Schwert getötet
hatte. Da schickte Isebel einen Boten zu Elia,
der ihm ausrichten sollte: »Die Götter
sollen mich schwer bestrafen, wenn ich dir nicht
heimzahle, was du diesen Propheten angetan hast!
Morgen um diese Zeit bist auch du ein toter Mann,
das schwöre ich!« Da packte Elia die
Angst. Er rannte um sein Leben und floh bis nach
Beerscheba ganz im Süden Judas. Dort ließ
er seinen Diener, der ihn bis dahin begleitet
hatte, zurück. Allein wanderte er einen Tag
lang weiter bis tief in die Wüste hinein.
Zuletzt ließ er sich unter einen Ginsterstrauch
fallen und wünschte, tot zu sein. »Herr,
ich kann nicht mehr!«, stöhnte er.
»Lass mich sterben! Irgendwann wird es mich
sowieso treffen, wie meine Vorfahren. Warum nicht
jetzt?« Er streckte sich unter dem Ginsterstrauch
aus und schlief ein. Plötzlich wurde er wachgerüttelt.
Ein Engel stand bei ihm und forderte ihn auf:
»Elia, steh auf und iss!« Als Elia
sich umblickte, entdeckte er neben seinem Kopf
einen Brotfladen, der auf heißen Steinen
gebacken war, und einen Krug Wasser. Er aß
und trank und legte sich wieder schlafen. Doch
der Engel des Herrn kam wieder und rüttelte
ihn zum zweiten Mal wach. »Steh auf, Elia,
und iss!«, befahl er ihm noch einmal. »Sonst
schaffst du den langen Weg nicht, der vor dir
liegt.« Da stand Elia auf, aß und
trank. Die Speise gab ihm so viel Kraft, dass
er vierzig Tage und Nächte hindurch wandern
konnte, bis er zum Berg Gottes, dem Horeb, kam.
[nach der Übersetzung Hoffnung für alle]
Der Power-Prophet Gottes ist am Ende. Fertig
mit der Welt und mit seinem Leben. Da ist überhaupt
nichts mehr zu spüren von der kraftvollen
Machtdemonstration Gottes, von Power im Glauben.
„Ich kann nicht mehr! Ich will nicht mehr!
Lass mich sterben!“
Elia gibt auf. Es ist ja auch ganz schön
heftig, wenn man eine Morddrohung im Nacken sitzen
hat. Aber genau jetzt passiert es, dass Elia alles
über den Haufen wirft, was ihm in seinem
Glauben so wichtig war. Nicht mehr der Blick auf
seinen Herrn leitet ihn – nein, er nimmt
sein Schicksal selbst in die Hand. Und er rennt
um sein Leben. Gerade noch war er in viel größerer
Lebensgefahr und hatte doch Gott alles überlassen.
Aber jetzt scheint alle Gotteserfahrung wie weggewischt.
Ist doch verrückt – oder? Nein, nicht
verrückt, sondern ganz und gar menschlich.
Ich finde es so faszinierend, dass die Bibel diese
Krisenzeiten der großen Glaubenshelden nicht
ausblendet, sondern schonungslos offen beschreibt.
Das macht die Bibel so glaubwürdig.
Aber selbst in dieser wohl größten
Lebenskrise des Elia, in der die Kraft Gottes
so weit weg schien, lässt Gott seinen verängstigten
Boten nicht allein. Gott ist nicht müde,
bei seinem lebensmüden und gottesmüden
Diener zu sein. Ein Engel berührt ihn und
weckt ihn aus seinem Verzweiflungsschlaf. Und
Gott schenkt das, was Elia jetzt gerade braucht:
keine neue Erkenntnis, keine neue Aufgabe, sondern
Wasser, Brot (geröstetes Brot – auf
einem Stein gebacken) und Schlaf - ganz elementare
Dinge. Gottes Kraft ist eine schöpferische
Kraft, eine Kraft, die erquickt und aus der Neues
entsteht.
Wie gut zu wissen, dass Gott uns nicht zur Strafe
seine Kraft entzieht. Sondern dass er genau dort
gibt, wo wir ihn so dringend brauchen. Selbst
wenn wir mit seiner Kraft gar nicht mehr rechnen.
Wenn über unsere Lippen immer wieder der
tiefe Seufzer kommt: „Ich habe genug! Genug
von den Herausforderungen des Tages, genug davon,
immer wieder hilflos, schwach und ohnmächtig
zu sein“ – dann steht Gott da und
sagt: „Ich habe nicht genug von dir! Meine
Liebe ist grenzenlos.“ Und wenn wir uns
morgens zerknatscht aus dem Bett quälen und
uns viel eher ausgepowert als frisch und neu fühlen,
dann wartet er schon auf uns und hat ein gutes
Wort für uns bereit. Und behutsam bietet
er uns ein Gespräch mit ihm an. Er lädt
uns ein, seine guten Gaben zu kosten und zu genießen.
Das können all die Dinge sein, die er uns
tagtäglich schenkt. Vielleicht auch wirklich
einmal einen guten und tiefen Schlaf, der wieder
neue Kräfte bringt. Vor allem aber ist es
die Gemeinschaft mit ihm.
Gottes Kraft kommt in mein Leben
...
3. ... indem ich mir an Gottes Gnade
genügen lasse
Gott zeigt Elia und uns noch etwas anderes. „Lass
dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft
ist in den Schwachen mächtig“ –
so schreibt viele Jahre später Paulus von
seiner Erfahrung mit dem lebendigen Gott. Und
damit will er sagen: „Lass es genug sein,
mit dem, was Gott dir gibt.“ Denn darin
ist alle Kraft enthalten.
Warum nur Wasser und Brot? Ein saftiges Hühnchen
oder ein kräftiges Schnitzel und dazu ein
guter Rotwein wären doch sicher auch angebracht
gewesen. Gott – wenn du schon gibst, kann
es nicht ein bisschen mehr sein, ein bisschen
würziger, ein bisschen ausgefallener?
Warum immer nur dieselben Gottesdienste? Kann
es nicht ein bisschen fetziger und kreativer und
powerfuller sein?
Bitte versteht mich nicht falsch. Ich bin von
ganzem Herzen dafür, dass es eine Vielfalt
von Gottesdiensten gibt und dass wir alles einsetzen,
um sie möglichst bunt und kreativ zu gestalten.
Aber ich habe manchmal den Eindruck, dass wir
auch hier von einem „immer höher; immer
weiter; immer schneller“ geprägt sind.
Wir wollen mehr – mehr Power.
Gott ist kein Kostverächter. Und Jesus hat
gerne und üppig gefeiert – und das
nicht nur mit Wasser und Brot. Aber hier zeigt
uns Gott, dass es in seinem Ermessen steht, wann
er was und wie viel an Kraft gibt. Gott gibt seine
Kraft nicht im Vorratspack oder in der Familienpackung.
Gott streut seine Kraft nicht einfach willkürlich
über die Menschheit aus. Gott gibt nicht
dem der will, sondern dem der braucht. Und zwar
immer so viel, dass es reicht. Und dass es gut
ist.
„Lass dir an dem genug sein, was ich dir
gebe“, sagt Gott. Denn in meinen Gaben ist
alle meine Kraft enthalten. In dem was ich dir
gebe, kommt meine ganze Kraft zum tragen. Deshalb
lass dir genügen.“
Leben mit Power – wie kommt Gottes Kraft
in mein Leben?
... indem ich loslasse
und Gott wirken lasse
... indem Gott mich
durch seine guten Gaben erquickt
... indem ich mir an
Gottes Gnade genügen lasse
Amen!
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