Evangelische Kirchengemeinde Liedolsheim

"Bloß keinen billigen Trost", war das Thema im Treffpunkt Glaube und Leben am 18. September 2000. Als Referent hatten wie dazu Herrn Martin Behsler, Diakon und Kinikseelsorger in Bad Schönborn, eingeladen.

Herr Behsler führte uns zum Thema, indem er anhand dreier Beispiele erzählte wie unterschiedlich der Tod über eine Familie hereinbrechen kann. Der Tod kann erwartet oder plötzlich bei jungen und alten Menschen vor der Tür stehen. Meist bleiben Angehörige und Freunde in Trauer zurück.
Was geschieht mit den Trauernden, wenn ein geliebter Mensch stirbt?
Mit dem Sterben eines geliebten Menschen stirbt der, der zurückbleibt ein Stück mit.Herr Behsler hat berichtet, dass in der Regel Frauen ihre Trauer stärker zum Ausdruck bringen als Männer. Obwohl Männer dies oft nicht so zeigen, leiden sie aber auch unter dem Verlust.

 

 

Trauer hat viele Gesichter
Viele fühlen sich als nicht mehr lebensfähig, oder wie wenn ein Körperteil amputiert worden wäre.
Das Herz und die Seele kommt nicht mit dem Geschehen zurecht, alles schreit NEIN! Das darf nicht sein! - ein fassungsloses Nein, ein "das darf nicht wahr sein".
Warum?

Mit dieser Frage wehrt sich der Trauernde gegen den Schmerz. Immer wieder werden Situationen in Gedanken durchgespielt: hätte ich doch nur dies und das getan, ... wäre ich doch nur da gewesen, ...
Trauer wird chaotisch erlebt
Das innere und äußere Leben ist zum Irrgarten geworden. Der Trauernde fühlt sich stumpf, depressiv, auch aggressiv. Oft durch Appetitlosigkeit und Schwäche belastet.
Trauer ist stark von der Beziehung die der Trauernde und der Verstorbene hatte geprägt. Auch die Umstände können Einfluß auf die Trauer haben. Wenn man noch eine Zeit des Abschieds hatte, kann Trauer leichter fließen. Aber, wie oben schon gesagt: Trauer hat viele Gesichter.
Trauer braucht Zeit
Man kann nicht sagen, nach einem Jahr, spätestens nach zwei soll wieder Normalität einkehren.
Herr Behsler wies besonders darauf hin , dass man keine Zahl einsetzen kann bis die Wahrheit des Todes angekommen ist. Der Weg vom Kopf zum Herzen kann lang sein. Die Wellen der Trauer können wie Ebbe und Flut auch nach längerer Zeit über den Trauernden hereinbrechen.
Trauernde klagen: "Die anderen verstehen mich nicht".
Aussagen wie: "Das ist der Lauf der Zeit", "das Leben geht weiter", "Zeit heilt Wunden", "wer weiß, wozu das gut war" trösten nicht. Wer einen Trauernden trösten will mit dem Hinweis, was dem Toten jetzt erspart geblieben ist, hat sich nicht versucht in dessen Lage zu versetzen. Der Verstorbene wird vermißt und solche Aussagen sind darum keine Hilfe. "Du hast doch noch drei Kinder", - aber das eine ist nicht mehr da. Ist ein alter Mensch gestorben, mildert der Hinweis, "er war so alt, sei froh dass ihr soviel Zeit zusammen hattet", nicht die Trauer. Solches Reden wird nur als billiger Trost empfunden. Oft werden dadurch sogar neue Wunden gerissen. Aber
Wie tröstet man richtig?
Selbst gute Bekannte sind manchmal unsicher im Umgang mit Trauernden. Der Tod schafft Grenzen und Übergänge müssen erst gesucht werden. Dabei warten Trauernde oft vergeblich auf Zuwendung. Er oder Sie erleben z.B., dass Gespräche verstummen wenn er/sie in ein Geschäft kommt. Andere begegnen dem Trauernden als sei überhaupt nichts geschehen. Beides hilft so wenig wie die Frage "wie geht´s", die nur den Kopf erreicht. Fragen "wie fühlst du dich" und die Antwort auch abwarten und aushalten, spricht das Herz an.
Zuhören - woran sich der Trauernde erinnern will
Bibelworte sind unangefochten hilfreich , aber nicht in jedem Augenblick angebracht.
Oft ist es nicht nötig viel zu reden. Das Herz des Trauernden ist von Schmerz voll und sie oder er ist froh, wenn jemand zuhört.
Nähe empfindet der Trauernde als Trost
Einfach nur mittrauern, auch weinen und Nähe spüren lassen, helfen mehr als alle gut gemeinten Worte. Der Referent empfahl an dieser Stelle das Buch von Wolfgang Raupp "Und trockne deine Tränen".
Die Situation verstehen - die seelische Lage treffen
Auch seelisch starke Menschen haben oft keinen Halt. Die Hiobworte "Gott hat`s gegeben, Gott hat`s genommen ..." sind für Trauernde kein Trost und erreichen ihn oft gar nicht. "Wenn ich in deiner Situation wäre, wollte ich auch nicht mehr weiterleben." Hier fühlt sich der Trauernde in seiner Lage verstanden, vielleicht nicht getröstet aber verstanden.
Die Gewalt des Schmerzes
Vor dem Verlust eines lieben Menschen war der Trauernde vielleicht ein dynamischer Mensch. Danach ist vielen oft alles gleichgültig, es wird nur mechanisch geleistet was unbedingt sein muss. Schönes wird als kaum erträglich empfunden. Die Warum-Fragen quälen.
Der Weg vom gefühlsmäßigen Trost zum geistlichen Trost
Dieser Weg ist mühsam und lang. Wie oben schon gesagt, bricht die Trauer oft wie Ebbe und Flut über einen Menschen. Der Trauernde wird von Wellen des Schmerzes überspült und er braucht Leute die offen sind für sein Leiden. Durch den Tod ist vieles abgebrochen, Freundschaften, Ehe, Familie.
Dietrich Bonhoeffer sagte: Für den Menschen sind die Unterschiede zwischen Tod und Leben ungeheuer groß aber für Gott fallen sie in eins zusammen.
Begleiter sehen weiter
Als Menschen sehen wir nur das Leben, das abgebrochen ist, als Christen sehen wir weiter. Wir trauern um irdische Menschen und dürfen das auch als Christen. Gut ist es, wenn der Trauernde einen Begleiter hat, der ihn zu seinen Glaubenswurzeln zurückführen kann. Dabei ist es nötig zu helfen, dass der Trauernde nicht nur seinen Schmerz sieht. Gottes Werk ist es dies aufzuzeigen.
In der Taufe übergeben die Eltern ihr Kind an Gott, sie haben das Kind als Lehn auf Zeit. Wer macht sich aber dies so bewußt? Im Trauerfall muss das jetzt neu buchstabiert und durchgelebt werden. Angehörige wissen oft um die Zugehörigkeit der Verstorbenen zu Gott und trotzdem ist der Schmerz unerträglich groß.
Gott ist der Herr, er hat euch lieb. Dies sollen wir als Begleiter beim Trauernden wachrufen. Es ist schmerzlich und tut zugleich gut an Schönes, gemeinsam erlebtes zu erinnern.
Hilfreich kann auch das Gesangbuch sein. Wie viele Liederdichter haben Leidvolles erfahren und es kann Trost spenden ihre Lieder zu lesen. Wir sollten auch ermutigen wieder in der Bibel zu lesen. Die Psalmen helfen manchmal vom Klagen zum Loben.
Bitte, vergib!
Oft quälen den Trauernden auch Gedanken nach viel Bruchstückhaftem. Ich bin am Verstorbenen schuldig geworden und kann es nun nicht mehr gut machen. Diese Schuldgefühle muss man ernstnehmen, manchmal sind sie auch sehr berechtigt. Für die Zurückgebliebenen ist es dann schwer, denn man kann nicht mehr sagen verzeih und vergib mir. Hier dürfen wir ermutigen, damit zum Abendmahl zu gehen und die Zusagen der Vergebung persönlich anzunehmen. Die Schuld ist im Tod von Jesus Christus vergangen. Natürlich können wir uns Vergebung auch in einem Seelsorgegespräch zusprechen, aber manchmal sind Zeichen und Symbole unbedingt notwendig. Brot und Wein kann man schmecken, sie sagen, Jesu starb für deine Schuld. Dem Frieden mit dem Vorausgegangenen steht nichts mehr im Weg.
Die Gegenwart Gottes umfriedet die Trauer
Die Auferstehungshoffnung ist keine Ritterrüstung die den Schlag des Todes dämpft. Trauer ist auch Ausdruck der Liebe und der Verbundenheit mit dem Verstorbenen. Die Zusage auf die Auferstehung gibt uns aber eine neue Blickrichtung. Gott wird abwischen alle Tränen, aber dies wird erst hinter der Tür geschehen.
Trauer-Arbeit
Trauer hat eigentlich nichts mit Arbeit zu tun. Arbeit kann man planen, sie ist zielgerichtet und oft überschaubar. Bei der Trauer ist dies alles anders. Trauer hat man nicht im Griff, sie überfällt einen ungeplant.
Trost im Gebet
Aber man kann Gott im Gebet seinen Schmerz hinlegen, helfen können auch die Klagepsalmen. Unseren Unmut, Schmerz, Zorn, Leid und Not dürfen wir im Gebet Gott sagen. Martin Behsler wies hier auf das Buch von Siegfried Kettling "Du gibst mich nicht dem Tode preis", hin. Am Ende des Buches sind Gebete von Frau Kettling angefügt, in denen sie Gott ihre Trauer über den Verlust eines Kindes klagt.
Gott hat die Macht aus der Dunkelheit der Verzweiflung und Trauer herauszuführen.
Als Begleiter können wir im Schmerz mitfühlen, aber wir sind kein Gegenüber das aus Schmerz herausholen kann.
Kritiker sagen, Gebete sind Selbstgespräche in denen negative Gedanken in positive umgewandelt werden sollen.
Beten ist reden mit Gott, im Gebet schenkt Gott uns Kraft. Paulus sagt im Römerbrief: "Die Botschaft ist eine gewaltige Kraft Gottes. Wer an sie glaubt, erfährt, dass Gott ihn von seiner Schuld befreit und aus seiner Verzweiflung rettet."
Wir gehen anders weg, wenn wir uns Gott im Gebet öffnen und spüren dann etwas von seiner Kraft. Diese Kraft ist es, die Trost bringen kann.
"Ich habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre." Lukas 22,32
Begleitung eines Trauernden kann schwer werden, wenn er untröstlich ist. Dann dürfen wir den Trauernden spüren lassen, ich glaube für dich. In der Bibel wird uns die Geschichte von einem Gelähmten erzählt, der von Freunden zu Jesus gebracht wird. Sie nehmen viele Mühen auf sich um zu Jesus zu kommen. In Lukas 5,20 steht, dass Jesus handelte, als er den Glauben der Begleiter sah.
Wenn er ein Stück seines Weges gegangen ist, kann der Trauernde die Erfahrung machen, ich wurde gehalten, von Gott und von meinen Glaubensgeschwistern. Er kann erleben, ich muss mir meinen Gott nicht einreden, er ist Realität.

Mit einem Gebet und Segen schloß Herr Behsler den Abend, der von den zahlreich erschienenen Besuchern als sehr bereichernd empfunden wurde.
 



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