Evangelische Kirchengemeinde Liedolsheim

Predigt in der Reihe "Das ist eine harte Rede" - Predigten zu schwierigen Stellen in der Bibel

"Errette mich von den Übeltätern" - Der Predigttext ist ein Gebet aus dem Buch der Psalmen
Psalm 59,2-18 (Pfarrer Matthias Boch)


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Errette mich, mein Gott, von meinen Feinden und schütze mich vor meinen Widersachern. Errette mich von den Übeltätern und hilf mir vor den Blutgierigen! Denn siehe, HERR, sie lauern mir auf; Starke rotten sich wider mich zusammen ohne meine Schuld und Missetat. Ich habe nichts verschuldet; sie aber laufen herzu und machen sich bereit. Erwache, komme herbei und sieh darein! Du, HERR, Gott Zebaoth, Gott Israels, wache auf und suche heim alle Völker! Sei keinem von ihnen gnädig, die so verwegene Übeltäter sind.
Jeden Abend kommen sie wieder, heulen wie die Hunde und laufen in der Stadt umher. Siehe, sie geifern mit ihrem Maul; Schwerter sind auf ihren Lippen: "Wer sollte es hören?" Aber du, HERR, wirst ihrer lachen und aller Völker spotten. Meine Stärke, zu dir will ich mich halten; denn Gott ist mein Schutz. Gott erzeigt mir reichlich seine Güte, Gott lässt mich auf meine Feinde herabsehen. Bringe sie nicht um, dass mein Volk es nicht vergesse; zerstreue sie aber mit deiner Macht, Herr, unser Schild, und stoß sie hinunter! Das Wort ihrer Lippen ist nichts als Sünde; darum sollen sie sich fangen in ihrer Hoffart mit all ihren Flüchen und Lügen. Vertilge sie ohne alle Gnade, vertilge sie, dass sie nicht mehr da sind! Lass sie innewerden, dass Gott Herrscher ist in Jakob, bis an die Enden der Erde. Jeden Abend kommen sie wieder, heulen wie die Hunde und laufen in der Stadt umher. Sie laufen hin und her nach Speise und murren, wenn sie nicht satt werden. Ich aber will von deiner Macht singen und des Morgens rühmen deine Güte; denn du bist mir Schutz und Zuflucht in meiner Not. Meine Stärke, dir will ich lobsingen; denn Gott ist mein Schutz, mein gnädiger Gott.


Liebe Gemeinde!
Vertilge sie ohne Gnade - "Das ist doch wirklich eine harte Rede" - Der Titel unserer Predigreihe passt gut zu diesen Worten aus diesem "Rachepsalm". Das Wort Rache kommt zwar nicht vor. Aber inhaltlich geht es eben darum, darum, dass einer Gott im Gebet anfleht, denen, die ihn bedrängen, Gewalt anzutun. Solche Texte sind schwierig.
Doch haben wir deshalb das Recht, sie im Gottesdienst nicht zu lesen oder zu predigen.
Doch nicht nur Rachepsalmen - auch andere Bibelworte werden von uns eingeklammert und weggelassen. So manche Passage - auch aus bekannten Texten - fällt dabei unter den Tisch: nehmen wir zum Beispiel Psalm 139. In Vers 14 heißt es: "ich danke Dir, dass ich wunderbar gemacht bin..." das hören wir gerne. Doch etwas später sagt der Beter: "Ach Gott, wollest du doch die Gottlosen töten..." (V.19). - das lassen wir dann doch lieber weg.
Normalerweise fällt es uns auch gar nicht auf, dass solche Bibeltexte fehlen. Psalmen wie Psalm 59 tauchen in unserem Gesangbuch gar nicht auf, Choräle wurden daraus keine gemacht und auch in der Ordnung der Predigttexte sucht man sie vergeblich.
Auch Theologen geben den sogenannten "Rachepsalmen" vernichtende Kritiken. So urteilt ein Altestamentler zum Beispiel über Psalm 109, der unserem Psalm ähnlich ist, er sei "in besonders hohem Maße 'unchristlich'". Ein anderer schreibt: "Im Bereich des christlichen Glaubens haben diese Gedanken keinen Platz"
Wieder andere nehmen diese Texte zur Hand, wenn sie sich kritisch über den sog. "alttestamentlichen Rachegott" äußern möchten.
Warum werden solche Texte denn eigentlich auf diese Weise kritisiert oder warum werden sie verschwiegen?
Wenn wir nämlich das geschichtliche Umfeld betrachten, merken wir schnell einen deutlichen Widerspruch: Die Juden mit ihrem angeblichen "Gott der Rache" waren durch die Zeiten hindurch Verfolgte und Opfer - in der Zeit der christlichen Kirche vor allem auch Opfer der Christen, die den "Gott der Liebe" für sich reklamieren.
Wenden wir uns also heute einmal bewußt diesem Psalm zu - und lassen wir uns in unserem Nachdenken von zwei Leitfragen begleiten:
1. Wer betet?
2. Was wird erbeten?

Zunächst: Wer betet?
Die Worte dieses Gebetes zeigen uns einen verzweifelten Menschen. Hier betet einer, der am Ende ist. Er wird verfolgt und ist vom Tode bedroht. Konkret könnte das heißen:
Seine Widersacher haben ihn um sein Hab und Gut gebracht. Vielleicht haben sie auch etwas gegen ihn in der Hand falsche Beweise, Lügen zum Beispiel... Auf jeden Fall erfahren wir, dass ihr Opfer an seiner Notlage unschuldig ist, und dass sie verbrecherisch gegen ihn vor gehen. Den Gegnern ist es wohl gelungen, in der Stadt Stimmung gegen ihr Opfer zu machen. Sie haben Lügen verbreitet und vielleicht haben sie damit sogar vor Gericht Erfolg gehabt.
Dem Verfolgten bleibt nur noch das Tempelgericht. Gott selbst will er als Richter anrufen. Aber wird er überhaupt noch so lange leben?
Es wurde öfter versucht, den Gang zum Tempel als höchster Rechtsinstanz durch Mord zu vereiteln.
Liebe Gemeinde, es ist wichtig, dass wir den Psalm auf diesem Hintergrund hören: hier ist ein Mensch am Ende seines Kampfes um sein Recht. Alles hat er versucht - ohne Erfolg. Er gehört zu denen, über die Jesus sagt: "Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit, den sie sollen satt werden." (Mt 5,6).
Dieser Mensch ruft Gott zum Richter an. Ihn bittet er um Gnade: den lebendigen Gott bittet er, ihm Recht zu schaffen - gegen die, die ihm Unrecht tun. - Aber, darf man denn so beten?
Dietrich Bonhoeffer hat in einer Auslegung sinngemäß gesagt:
Wir dürfen nicht so beten. Und zwar nicht deshalb nicht, weil wir für diese Art Gebet zu gut wären, sondern weil wir zu böse sind. Nur wer ohne Schuld ist, kann so beten.
"Ich habe nichts verschuldet." Sagt der Beter in Vers 5. Aber, kann das jemand behaupten? "Ich habe nichts verschuldet."? Wo bleibt da die notwendige Selbstkritik?
Wer das einwendet, liebe Gemeinde, denkt viel zu allgemein. So können wir dem Beter in seiner Situation nicht gerecht werden.
Er hat ja gar nicht behauptet, sein Leben lang ein guter, schuldloser Mensch gewesen zu sein. Doch in dieser Not, die er hier vor Gott bringt, ist er der Unschuldige, das Opfer der anderen.
Ich bin ich überzeugt, wer vor Gott seine Unschuld beteuert, weiß, was er tut. Er unterstellt sich ja dem Urteil Gottes. Der Beter von Psalm 139, der Gott gegen seine Feinde anruft, sagt wohl auch deshalb: "Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkennen, wie ich's meine. Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege." (V.23f) - - -
Ein anderer sehr grundsätzlicher Einwand gegen solches Beten sagt: auch in einer besonderen Situation kann es nicht sein, dass einer gegen andere betet, denn wir sind doch alle Sünder!
Sicher, vor Gott sind wir alle Sünder, das war den Israeliten damals auch bekannt, aber es kann nicht sein, dass durch dieses Bekenntnis Schuld und Schuld nicht mehr unterschieden wird.
Vor lauter Sündenbewusstsein würden wir die konkreten Unrechtstaten und die, die sie begehen, nicht mehr beim Namen nennen. Doch Taten und Täter müssen doch beim Namen genannt werden. Sonst können wir sie nicht bekämpfen?
Wo wir ein unklares Sündenbewusstsein fördern, können die ungenannt und unbekannt weitermachen, die in unserem Psalm genannt werden: die Blutsauger (V.3), die unersättlich Gierigen (V.16), die mit Schwertern auf den Lippen (V.8).
Würden wir unseren Beter fragen, ob er sich selbst für einen sündigen Menschen hält, so würde er bestimmt mit "Ja" antworten.
Doch in seinem Gebet geht es um die konkrete Frage nach Recht und Unrecht, um böse Taten und um Täter.
Die aber müssen beim Namen genannt werden. Und wo anders soll das geschehen, als im Angesicht Gottes? Wir sollten aufpassen, dass wir vor lauter Sünden- oder auch Gnadenprinzip nicht die Wirklichkeit aus dem Blick verlieren!
Ich möchte ein Beispiel nennen: wie hätte es wohl gewirkt, wenn Christen in ihren Gottesdiensten nach dem Anschlag vom 11. September nur die Opfer betrauert hätten und nicht auch von der Schuld der Täter gesprochen hätten - weil wir doch alle Sünder sind.
Sicher - wo wir auf das Böse und die Bösen mit dem Finger zeigen, weisen drei Finger auf uns selbst zurück, doch deshalb dürfen wir es doch nicht unterlassen und müssen hinzufügen: "Prüfe Gott, wie ich's meine." Um der Gerechtigkeit Gottes willen darf aus dem "Wir sind allzumal Sünder" kein Nebel werden, in dem niemand mehr weiß, wer an was schuldig geworden ist. Schuld muss aufgezeigt und angezeigt werden. - - -
Erinnern wir uns noch einmal daran: das Volk Israel, das das Böse in den Worten des Psalmes vor Gott aussprach, ist immer wieder den Weg des Leidens gegangen. Viele Christen konnten vor Gott ihre Sündhaftigkeit bekennen, doch zugleich waren ihre Hände besudelt vom Blut ihrer Opfer.

Fragen wir weiter: Was wird hier von Gott erbeten?
Der Beter bittet Gott, dass er ihn rettet, dass er das Recht aufrichtet, und er bittet darum, die Widersacher zu vernichten.
Gerade dieses Gebetsanliegen hat viel Kritik hervorgerufen:
"Wir können doch nicht Gott um den Tod anderer Menschen bitten."
Doch verurteilen wir den Beter nicht zu früh; allein schon die Erinnerung daran, wie Christen in der Geschichte praktisch mit ihren Feinden verfahren sind, sollte uns davon abhalten.
Spannend wird es da, wo wir die Kritik einfach umkehren.
Indem der Beter Gott um die Tötung der Widersacher bittet, verzichtet er darauf, selbst zur Waffe zu greifen. Er vertraut darauf, dass der HERR seinem Volk Recht verschaffen wird (5. Mose 32,36). Und er hält sich strikt daran, dass Gott gesagt hat: "Die Rache ist mein." (5. Mose 32,35; vgl. Röm 12,19).
Liebe Gemeinde! Christen hätten niemals so gewaltsam auftreten können, wie es in der Geschichte oft geschehen ist, wenn sie dieses Wort beherzigt hätten.
Wenn sie das Schicksal ihrer Gegner in Gottes Hände gelegt hätten, anstatt selbst gegen sie ins Feld zu ziehen, ein "Gott mit uns" auf dem Koppelschloß.
Und auch in unserem persönlichen Leben wären wir bestimmt weniger grausam, wenn wir es wagten, das, was wir gegen andere auf dem Herzen haben, im Gebet vor Gott zu bringen. Gott ist unsere Zuflucht - auch dann wenn wir zornig sind. - - -
Die Bitte um Vernichtung der Feinde ist übrigens nichts typisch Alttestamentliches. Am Ende des neuen Testaments hören wir, wie die Märtyrer zu Gott schreien: "Herr... wie lange richtest du nicht und rächst nicht unser Blut an denen, die auf der Erde wohnen?" (Offb 6,10)
Außerdem sollten wir beachten: der Tod des Ungerechten ist gar nicht das eigentliche Ziel dieses Gebets. Der Beter sagt: "Bringe sie nicht um, dass mein Volk es nicht vergesse; zerstreue sie aber mit deiner Macht... sie sollen sich fangen in ihrer Hoffart mit all ihren Flüchen und Lügen." (V.12f)
Die Bösen sollen nicht einfach von Gott vernichtet werden. Sie sollen an ihren eigenen Taten zugrunde gehen.
Die Bösen sollen an ihrer Bosheit sterben. Warum? Damit ein Stück Gottesgerechtigkeit einkehrt, damit die Gemeinschaft befreit aufatmen kann und lernt: "... dass Gott Herrscher ist in Jakob, bis an die Enden der Erde." (V.14)
Hier wird deutlich: das eigentliche Ziel des Beters reicht weit über sein eigenes Interesse weit hinaus: Die Welt soll nicht mehr vom Unrecht der Bösen geschunden werden. Er hat die Hoffnung, dass Gott dem Recht zum Zug verhilft.
Die Bibel erzählt uns davon, dass Gott von Anfang an der Aufrichtung seiner Gerechtigkeit arbeitet. Damit wir gut miteinander leben können, hat er uns heilsame Grenzen gesetzt, seine Gebote. Und wo immer wir sie überschreiten, ruft er uns durch sein Wort zurück. In seiner Güte räumt er uns immer wieder Zeit ein, auf seine Worte zu hören und umzukehren. In seiner Liebe bleibt er uns sogar so nah, dass er das Kreuz der Sünde selbst erträgt.
Aber was ist, wenn die Bösen nun diesen Gott missachten? Wenn sie in ihrem Herzen sprechen: "Es ist kein Gott" und seine Gerechtigkeit mit Füßen treten? Der Beter unseres Psalms kann zusammen mit den Märtyrern des neuen Testaments für sie nur noch beten: "Erlöse uns vor den Bösen!" Sie sollen ihrem eigenen Tun zum Opfer fallen, damit sie sich nicht noch mehr versündigen, damit die Welt aufatmen kann.
Liebe Gemeinde! Halten wir vielleicht deshalb solche Texte aus unseren Gottesdiensten fern, weil es allzu oft die Christen waren, für die man nur noch auf solche Weise beten konnte?
Ich wünsche Ihnen und mir, dass wir uns von unserem Psalm dazu ermutigen lassen, mit unseren Kräften, daran zu arbeiten, dass die Gerechtigkeit Gottes immer mehr Raum gewinnt in unserer Welt, damit Menschen befreit aufatmen können und erfahren: "... dass Gott Herrscher ist in Jakob, bis an die Enden der Erde." (V.14). Amen.

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